Auszug  1

Geistertanz Wege der Freiheit 

Takanga saß auf dem Boden auf der gegenüberliegenden Seite des Anhängers. Unter ihm war ein Bärenfell ausgebreitet, das aus dem Schatten die Tür beobachtete. In dem ganzen Raum hingen Häute und Felle, auch vor den beiden kleinen Fensterluken, so dass kaum Tageslicht ins Innere fiel. Eine Öllaterne sorgte für ein orangefarbenes Licht, das Takanga auf dem Bären flackernd tanzen ließ. Er hatte die Beine verschränkt. Seine langen schwarzen Haare, von silbernen Linien durchzogen, hingen offen über die blanken Schultern. Sein nackter Oberkörper war kräftig, aber vom beginnenden Alter bereits in eine zähe Sehnigkeit verformt. Die Haut über den Muskeln hing in einigen Faltenwürfen bereits schlaff herunter. Der ganze Mann hatte sich mit seiner Oberfläche den gegerbten Hüllen seiner Jagderfolge aus vergangenen Zeiten angepasst. Im Weiterleben schien er sie einzuholen. Takanga rührte bedächtig in einem dampfenden Metallbecher. In der Ecke auf dem bollernden Ofen stand ein zischender Kessel. Der ganze Anhänger war kurz davor, unter dem Druck der aufgestauten Hitze über den Platz zu rütteln. Glänzende Perlen krochen aus Takangas Haaren und liefen durch sein Gesicht. In der Luft lagen Pfefferminz, Tannennadeln und Honig. 
„Der kleine Jäger mit dem bockigen Gaul kommt mich besuchen.“ Die Stimme schob sich durch Kräuter und Honig und erfüllte zugleich rau und singend den ganzen Raum. 
„Ich soll mich bedanken. Dafür, dass Sie …ich meine, so schnell. Ist ja nicht selbstverständlich“, versuchte Shawn im Nachhall der Begrüßung Halt zu finden. Takangas Stimme hatte vom ersten Wort an Wucht, die Shawn fast physisch spüren konnte.
„Man hat dich geschickt. Du sollst …und möchtest vielleicht nicht.“ Während Takanga Shawn erneut akustisch durch den Raum wegspülte, spitzte sich eine Augenbraue. Shawn stemmte sich ohne Antwort gegen die erneute Woge klangtragender Aromen. „Komm her! Möchtest du Tee?“ Takangas Ton war einladend, aber gleichermaßen bestimmend. Beinahe hätte Shawn genickt, aber dann fiel ihm wieder ein, dass er möglichst schnell die Siedlung verlassen wollte. 
„Danke. Ich kann nicht lang bleiben.“ 
„Du kannst nicht, würdest aber sonst gerne bleiben?“ Takanga hatte um sich und seine kreisenden Äußerungen eine Barriere errichtet, die ihn von seiner Umwelt abzuschirmen schien, während er aus seiner unangreifbaren Position alles andere zu durchdringen vermochte. Shawn merkte, wie er sich ständig verriet. Er hatte seinen Körper und seine Gesichtszüge nicht unter Kontrolle. Er plapperte wie ein Papagei die Wahrheit, während er versuchte, höflich zu sein.
„Ich hab was für Sie“, versuchte Shawn die Aufmerksamkeit von sich auf die elegant verpackte Geschenkschachtel zu lenken, die er aus der Tüte hervorkramte und dabei mit gutem Grund und nicht aus Verlegenheit seinen Blick von Takanga abwenden konnte. 
„Ach, das freut mich. Zeig her“, ließ sich Takanga mit kameradschaftlicher Freude auf die Überleitung ein, nahm den Löffel aus seinem Becher, leckte ihn kurz ab und war im Gesicht und am Körper spürbar weicher, als Shawn wieder zu ihm aufsah. Selbst den Bären unter ihm schien er verändert zu haben, so als würde dieser nun erwartungsvoll, zurückgenommen ausharren und weniger angespannt lauern. Fast ohne Scheu legte Shawn das Geschenk in Takangas Hände und fasste durch das Überwinden der zuvor ausstrahlenden Barriere tieferes Vertrauen als bei einfacheren Begegnungen. „Vielleicht kannte Takanga auch den Trick mit dem Versandhandel“, dachte Shawn.
Lustvoll öffnete Takanga die Schleife, hob nach kurzem Rütteln langsam lüftend den Deckel und entnahm schmunzelnd das verchromte Geschenk. Das, was Takanga nun zwischen den Fingern drehte, war ein Flaschenkorkenlöser, kein einfacher Korkenzieher. Mit dem mechanischen Meisterwerk konnte man problemlos jeden noch so morschen Korken ziehen, ohne diesen zu beschädigen. Kork im Wein hielt Shawns Vater offensichtlich für ein Problem, das jedermann verärgern konnte. Entsprechend hatte er bei den runden Geburtstagen seiner Freunde und Kollegen, die sich in dem letzten Jahr gehäuft hatten, jenen Problemlöser allein dreimal verschenkt; denn das Leben war zu kurz, um schlechten Wein zu trinken, zumindest jenseits der Reife oder Ruhestandsgrenze. 
Takanga schaute sich in seinem Anhänger um, während er prüfend sein Geschenk in der Hand wog. Schließlich fragte er: „Jedes Geschenk hat bei uns eine Bedeutung. Welche hat deins?“ Dabei ging er von der Wiegebewegung seiner Hand in ein leichtes Lupfen über. 
‚Der blöde Müllmann will es nicht anders’, sagte Shawn zwar nicht, wenngleich genau diese Einstellung gegenüber Takanga ihn in Beschlag nahm. Er wollte sich nicht weiter von einer so unbedeutenden Person vorführen lassen. Shawn erkannte sehr wohl, wann jemand versuchte, ihn aufzuziehen. Damit kannte sich der Junge bestens aus. Er hatte die lächerliche Nummer durchschaut und war bereit, den Müllmann zu entzaubern. Ihm kam ein Satz in den Sinn, den Mike – vermutlich aus dem Mund seines Vaters übernommen – einmal gegen Shawns übertriebene Empfindlichkeit im Hinblick auf angebliche Anspielungen im Englischkurs vor versammelter Klasse Shawn vor die Füße geworfen hatte. 
So sprach nun letztlich Mikes Vater, Mutter oder wer auch immer noch durch Shawn: „Bei euch Wilden hat jeder Furz, jeder Hasenköttel eine Bedeutung! Weil ihr zu blöd seid, die Dinge zu verstehen, gebt ihr ihnen Bedeutung ...“  In Shawn bebte sein Vorwurf nach. Wütend, zitternd ballte er seine Fäustchen. Tränen schossen ihm in die Augen. In sich spürte er Schrecken und Scham. Sein Ausfall gegen Takangas Belagerung hatte ihm nicht die erwünschte Befreiung gebracht. 
„Wenn im Wein Wahrheit liegt, ist dein Öffner doch ein schönes Geschenk! Geh jetzt nach Hause, kleiner Jäger! Eines Tages wirst du dich entscheiden müssen, welchen Weg du gehst, ihren oder unseren. Aber bis dahin ist Zeit. Wir sehen uns, oder?“

Auszug 2

Geistertanz Wege der Freiheit 

McGrue ging noch einmal durch das Register ... Er fand einen Unterabschnitt, der mit „Jakob Johnson“ überschrieben war. Dort  könnte er vielleicht etwas Brauchbares finden! Der Zugang in diesen Unterordner erfolgte problemlos. Vielleicht würde er hier etwas finden, das er gegen Jakob verwenden konnte oder das ihm zumindest ermöglichte, in einen anderen Bereich des Servers überzuwechseln. McGrue verließ die Registerebene und stürzte sich aufs Geratewohl in eine der Dateien, die mit Jakob zusammenhingen. Vor ihm eröffnete sich eine realistisch wirkende Welt, die jedoch keine realen Begebenheiten bot. Es schien, als sei alles aus Fetzen zusammengesetzt, die beim zweiten Hinsehen nicht wirklich zusammengehörten. Er kannte sämtliche dieser Versatzstücke, auch wenn er nicht mehr genau die Begebenheit parat hatte, bei der diese aufgezeichnet worden waren. Es erschien ihm, als habe jemand mit einer altmodischen Filmkamera sein Leben aufgezeichnet, den Film zerschnitten und munter zu tausend verschiedenen Collagen zusammengesetzt. Nichts, was er sah, war unbekannt oder wirklich neu für ihn. Alles kam ihm zumindest vertraut vor.
Er ging weiter durch die Archivlandschaft und näher ins Detail. Es dauerte einige Sekunden, bis er die neue Auflösung richtig wahrnehmen konnte. Verarbeiten konnte er sie allerdings nicht mehr. Der Elf stolperte von einem Déjà-vu ins nächste. Alles, was er sah und hörte, löste eine Flut von Erinnerungen aus, die durch ihn hindurchspülten; doch bevor er sie einordnen konnte, wurde bereits die nächste Welle ausgelöst. Die Wirkung wurde noch verstärkt, da die Assoziationen, die er zu den einzelnen Eindrücken hatte, sich ebenfalls in seiner Umwelt an den entsprechenden Stellen niederschlugen. Einzelne Bilder wuchsen in jede Richtung von ihm zu riesigen Episoden, die sich ihrerseits wieder teilten und kreuzten. Sein Bewusstsein hatte keine Zeit, diesem schnellen Wechsel zu folgen; und obwohl er hellwach war, war er hilflos wie in einem Traum! Wenn er bei seinen übrigen Flügen durchs Netz sein Bewusstsein ausgeschaltet hatte und selbstvergessen durch den Datenstrom glitt, hatte er hier zwar auch keine bewusste Kontrolle, doch schien sich alles, was ihn umgab, nur auf ihn selbst zu beziehen ... Der Zustand war erdrückend! Er versuchte sich zu erinnern, auf welchem Weg er in das Archiv geraten war, doch konnte er keinen klaren Gedanken fassen. Die Datenflut riss ihn weiter weg. Er befand sich auf der Gischtkrone der Welle und stürzte von Tal zu Tal. ...